Am Weiher: Drei Frauen, sieben Gänge und 25.000 Flaschen

Eine Girlsweek im Pustertal, die schon auf 2.052 Metern beginnt: über den Staller Sattel zum Green Lake Hotel Weiher – ein Familienhotel mit bemerkenswerter Küche, großem Weinkeller und jener Art von Gastfreundschaft, die sich nicht trainieren lässt.

Google Maps hätte uns vermutlich eine effizientere Anreise vorgeschlagen. Zum Glück haben wir nicht gefragt.

Von Kitzbühel kommend nahmen meine Töchter und ich den Weg über den Staller Sattel – eine jener Straßen, bei denen die Landschaft so spektakulär wird, dass sich selbst die Rückbank irgendwann vom Handy löst. Der Pass verbindet das Osttiroler Defereggental mit dem Südtiroler Antholzertal, führt auf 2.052 Meter und wird auf italienischer Seite so schmal, dass der Verkehr per Ampel choreografiert werden muss. Von Österreich nach Italien darf man jeweils ab der vollen Stunde 15 Minuten lang passieren, in die Gegenrichtung ab der halben Stunde. Wer das Zeitfenster verpasst, bekommt also eine unfreiwillige Viertelstunde Bergmeditation. Es gibt Schlimmeres.

Dann geht es hinunter Richtung Antholzer See, dieses fast unwirkliche Türkis zwischen Wald und Fels, und spätestens dort war klar: Die Anreise würde nicht bloß der lästige Teil vor dem Urlaub sein. Wir waren bereits mittendrin.

Unser Ziel lag bei Pfalzen im Pustertal: das Green Lake Hotel Weiher, ein familiengeführtes Vier-Sterne-Superior-Haus am Issinger Weiher. „Green Lake“ klingt zunächst ein bisschen nach Kanada, tatsächlich ist hier aber erfreulich viel Südtirol drin. Vor allem in Form der Familie Peintner.

We are family. Aber wirklich.

Das Weiher ist ein Familienbetrieb über zwei Generationen – wobei die nächste längst nicht mehr nur mitarbeitet, sondern dem Haus entscheidend ihre Handschrift gibt. Markus in der Küche, Andreas beim Wein und als Gastgeber, Manuela zwischen Rezeption, Service und Backstube; Helga und Hans sind weiterhin präsent.

Diese Präsenz macht etwas mit einem Haus. Man merkt sehr schnell, ob Gastfreundschaft Teil eines Marketingkonzepts ist oder ob Menschen einfach gerne Menschen beherbergen. Im Weiher ist Letzteres der Fall. Niemand scheint einstudiert freundlich, niemand trägt seine Professionalität wie eine Uniform vor sich her. Man kommt an und gehört erstaunlich schnell ein bisschen dazu.

Unsere Suite ging direkt zum Garten und dem Fischteich hinaus, großzügig, viel Holz, ruhig, klar eingerichtet. Südtirol kann beim Thema Interieur gelegentlich in einen bedrohlichen Zustand zwischen Hirschgeweih und Filzpantoffel geraten. Hier ist man davor sicher. Natur spielt die Hauptrolle, aber sie muss dafür nicht überall dekorativ an die Wand geschraubt werden.

Dazu gibt es einen Spa mit beheiztem Außenpool, Saunen und Liegewiese am Wasser – sehr nützlich für jene Nachmittage, an denen der Vorsatz „Wir gehen heute noch wandern“ irgendwann geräuschlos durch „Wir könnten auch einfach hierbleiben“ ersetzt wird.

Das Problem mit dem Abendessen

Das kulinarische Niveau des Hauses bringt allerdings eine gewisse Gefahr mit sich: Man beginnt erstaunlich früh am Tag darüber nachzudenken, was es am Abend geben könnte.

Küchenchef Markus Peintner hat dafür einen ziemlich fundierten Lebenslauf mit nach Hause gebracht. Nach der Landeshotelfachschule Bruneck arbeitete er im Romantikhotel Turm in Völs am Schlern, absolvierte eine Station in der Brunecker Stadtmetzgerei Bernardi – Fleischwissen schadet bekanntlich keinem Koch –, wechselte anschließend in das Fünf-Hauben-Restaurant Ikarus im Hangar-7 nach Salzburg. Danach folgte das Fünf-Sterne-Hotel Central in Sölden, diesmal in der Patisserie. Seit Sommer 2018 ist er Küchenchef im elterlichen Hotel.

Das ist eine Ausbildung, die man auf dem Teller nachvollziehen kann: Produktverständnis, Präzision, Technik – aber ohne den heute gelegentlich auftretenden Zwang, aus jedem Radieschen eine philosophische Abhandlung zu machen.

Abends wird täglich ein Sieben-Gänge-Menü serviert, dazu kommen unterschiedliche Schwerpunkte: montags eine Fiesta de Tapas, mittwochs ein Südtiroler Terroir-Abend und samstags eine Fine Dining Experience. Vieles kommt aus nächster Umgebung, Kräuter aus Helgas Garten, Gemüse und Kartoffeln unter anderem vom Perntalhof der Familie, Forellen aus den eigenen Teichen.

Eine Art kulinarische Visitenkarte ist Weihers Forelle mit Perntaler Mozart-Kartoffel und Champagnerfond. Ein Gericht, das ziemlich gut erklärt, worum es Markus geht: Das Produkt ist lokal, die Technik weltläufig, und am Ende schmeckt es trotzdem nicht nach Leistungsschau.

Genau das mochte ich an den Abendessen so sehr. Sie waren jeden Tag eine kleine Überraschung. Und kaum war der letzte Gang gegessen, begann sich irgendwo im Hinterkopf bereits eine höchst unvernünftige Vorfreude auf den nächsten Abend breit zu machen.

Ein Keller, in dem „Rot oder Weiß?“ keine befriedigende Frage ist

Und dann ist da noch Andreas Peintner, Markus’ Bruder und der Mann für den Wein.

Andreas hat das Diplom der Weinakademie Österreich und verwaltet einen Keller mit rund 25.000 Flaschen und 1.100 verschiedenen Etiketten. Drei Sommeliers sind im Haus. Bei solchen Dimensionen wirkt die Frage „Was haben Sie denn offen?“ ungefähr so differenziert wie „Haben Sie auch etwas zu lesen?“ in der Nationalbibliothek.

Die Sammlung reicht selbstverständlich tief nach Südtirol hinein, aber nicht nur. Andreas sucht nach Charakter, Jahrgängen und Produzenten, erzählt dazu gerne die Geschichten hinter den Flaschen und öffnet auf Wunsch auch den Keller für Gäste. Wer Wein liebt, sollte dafür Zeit reservieren. Und danach idealerweise keine anspruchsvollen Pläne mehr haben.

Das Luxusproblem vor der Haustür

Nun könnte man im Weiher problemlos mehrere Tage verbringen, ohne kulinarisch fremdzugehen. Allerdings befindet man sich ausgerechnet in einer Gegend, in der das fast schade wäre.

Das Schöneck von Karl und Maria Baumgartner liegt sogar in Gehweite. Baumgartner gehört seit Jahrzehnten zu den großen Konstanten der Südtiroler Küche; Gault&Millau bewertet das Restaurant 2026 mit 17,5 von 20 Punkten. Seine Küche spannt den Bogen von Boxelemehl-Schlutzern mit Almkäsefonduta über Oktopus bis zu Wild, Fisch und dem berühmten Topfensoufflé.

Ein paar Autominuten weiter Richtung Vintl sitzt Wolfgang Kerschbaumer in einer winzigen Küche und kocht im La Passion für gerade einmal eine Handvoll Tische. Das Restaurant befindet sich in einer Bauernstube aus dem 16. Jahrhundert; Wolfgang kocht, Helena führt durch den Abend und durch einen erfreulich interessanten Weinkeller. 2026 gibt es dafür 16 von 20 Gault&Millau-Punkten.

Es gehört zu den angenehmeren Problemen des Lebens, in einem Hotel ausgezeichnet zu essen und gleichzeitig Restaurants in der Umgebung zu haben, für die man ebenfalls unbedingt einen Abend freihalten möchte.

Und draußen wartet Südtirol

Tagsüber ist das Pustertal großzügig mit Möglichkeiten. Bruneck liegt nur rund zehn Autominuten entfernt, der Kronplatz ebenso nahe; Wandern, Radfahren, Bergbahnen, Museen, das Antholzertal oder einfach ein Ausflug durch die Dörfer funktionieren ohne große logistische Vorbereitung.

Bei unserer Girlsweek war genau diese Mischung perfekt: morgens die Frage, was wir unternehmen, nachmittags möglicherweise doch noch der Pool, abends die wichtigste Entscheidung des Tages – welchen Wein Andreas zum Menü empfiehlt.

Schon damals dachte ich mir, dass ich eigentlich im Herbst noch einmal kommen müsste.

Denn dann verliert Südtirol ein wenig von seiner sommerlichen Betriebsamkeit. Die Temperaturen werden vernünftiger, auf den Wegen wird es etwas ruhiger, die Wälder wechseln die Farbe und Essen bekommt plötzlich wieder jene Bedeutung, die es bei 32 Grad manchmal schwer hat. Kastanien, Pilze, Wild, neuer Wein – der Herbst ist kulinarisch ohnehin schwer zu schlagen.

Und das Weiher passt genau in diese Jahreszeit. Tagsüber hinaus, abends hinein. Ein Glas Wein, sieben Gänge, vielleicht noch eines. Kein komplizierter Plan.

Ich werde jedenfalls wiederkommen. Meine Töchter ebenfalls gerne – unsere quality time war für uns alle ein Highlight. Beim nächsten Mal würde ich allerdings vorsichtshalber ein paar Tage mehr einplanen.

25.000 Flaschen schafft schließlich niemand in einer Woche.

Service: Südtirol im Herbst 2026

Südtiroler Speckfest, 26.–27. September: Das Fest findet auf dem Kronplatz statt – Produzenten, Verkostungen, Käse, Musik und Südtiroler Speck in ziemlich vielen Aggregatzuständen. Bei schlechtem Wetter kann die Veranstaltung nach Bruneck verlegt werden.

Golden Summit Weeks, 1. Oktober bis 8. November: Eine besonders gute Zeit für den Kronplatz. Im Rahmen der Aktion gibt es bei teilnehmenden Unterkünften unter anderem Berg- und Talfahrten, geführte Erlebnisse und Stadtführungen in Bruneck.

Street Food Festival Bruneck, 2.–4. Oktober: Drei Tage am Rathausplatz mit kleinen Tasting-Portionen, internationalen Küchen, DJs und Live-Musik. Ideal als Kontrastprogramm nach sehr viel Südtiroler Küche.

Herbstmarkt Bruneck, 10. Oktober: Rund 40 Handwerksbetriebe kommen auf den Rathausplatz; Keramik, Glas, Holzarbeiten, Schmuck und regionale Produkte.

Stegener Markt, 26.–28. Oktober: Der „Stega Morscht“ gehört zu den großen traditionellen Herbstterminen der Region und gilt als größter Markt Tirols. Hunderte Händler, Bauern, Handwerker, Lebensmittel und Landmaschinen – eine erstaunlich unterhaltsame Mischung.

Törggelen und Kastanienzeit: Von Mitte Oktober bis Anfang November laufen unter anderem die Eisacktaler Kastanienwochen; generell beginnt jetzt die beste Zeit für Törggele-Ausflüge mit neuem Wein und gebratenen Kastanien.

Was ich im Herbst unternehmen würde

Auf den Kronplatz fahren und LUMEN Museum sowie MMM Corones mitnehmen; einen Vormittag durch Bruneck gehen und gegebenenfalls das Messner Mountain Museum Ripa im Schloss besuchen; bei schönem Wetter noch einmal ins Antholzertal und zum Antholzer See fahren; im Weiher eine Kellerführung mit Andreas vereinbaren; und mindestens je einen Abend für Schöneck und La Passion reservieren.

Beim Staller Sattel im Herbst unbedingt vorher Straßenstatus und Wetter prüfen: Die Hochgebirgsstraße hat eine Wintersperre und kann witterungsbedingt auch früher geschlossen werden. Solange sie offen ist, gilt Richtung Südtirol weiterhin die 15-Minuten-Regel ab der vollen Stunde.

Werde Premium Mitglied

Werde jetzt Premium-Mitglied in Martina's Kochsalon und genieße viele exklusive Vorteile, wie den uneingeschränkten Zugriff auf über 1.000 Rezepte.