Lošinj: Wo selbst die Hektik baden geht

Pinienduft, salzige Meeresluft und eine bemerkenswerte Gelassenheit: Lošinj verbindet historische Eleganz mit moderner Genusskultur und erinnert daran, wie wohltuend Entschleunigung sein kann.

Es beginnt schon bei der Anreise. Irgendwann verschwindet das Festland im Rückspiegel des Autos auf der Fähre, das Handy verliert seine Autorität, und die Luft verändert ihren Charakter. Sie riecht nach Salz, Pinienharz und sonnengewärmtem Stein – wie ein Parfum, das niemand vermarktet, weil es sich nicht abfüllen lässt. Lošinj empfängt seine Gäste nicht mit laut inszenierten Klischees, sondern mit jener unangestrengten Gelassenheit, die man heute fast nur noch an Orten findet, die sich der permanenten Performance entzogen haben.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Luxus von Losinj.

Denn während andernorts die mediterrane Lebensart längst zur Kulisse geworden ist – geschniegelt für Social Media und gestriegelt gegen jede Form von Zufall –, wirkt sie hier noch angenehm ungeprobt. Man sitzt am Wasser und trinkt Wein, weil der Abend danach verlangt, nicht weil das Licht gerade contenttauglich wäre. Der Fisch schmeckt nach Meer statt nach Konzept. Und plötzlich fällt einem auf, wie selten Orte geworden sind, an denen Eleganz nicht mit Anstrengung verwechselt wird.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Lošinj von der k.u.k.-Gesellschaft entdeckt – allerdings weniger aus mondäner Reiselust als aus medizinischer Vernunft. Der Botaniker und Klimaforscher Ambroz Haračić überzeugte damals die Wiener Ärzteschaft davon, dass die Mischung aus Pinienluft, Salz und mildem Klima therapeutische Wirkung habe. 1892 erklärte die Donaumonarchie Mali Lošinj offiziell zum „Klimakurort“. Kurz darauf kamen Erzherzöge, Industrielle und Wiener Großbürger in die Čikat-Bucht, um ihre Lungen zu kurieren und vermutlich auch ein wenig ihre Nerven. Dass ausgerechnet ein Ort, an dem man heute freiwillig das Handy weglegt, einst als medizinische Maßnahme galt, wirkt im Zeitalter permanenter Erreichbarkeit fast visionär.

Entlang der Promenade vom elenganten Boutique Hotel Alhambra in der Čikat-Bucht und dem mondänen Hotel Bellevue entfaltet sich ein Lošinj, das zugleich entschleunigt und elektrisiert. Eine Insel zwischen Grandhotel-Nostalgie, Spa-Kultur und erstaunlich ambitionierter Kulinarik – allerdings ohne jene Attitüde, die anderswo gerne als Weltoffenheit verkauft wird.

Das Boutique Hotel Alhambra ist so ein Haus, in dem man automatisch leiser spricht. Nicht aus Ehrfurcht, sondern weil die Atmosphäre den Ton vorgibt. Die historische Villa liegt über der Čikat-Bucht wie eine Grande Dame, die nichts mehr beweisen muss. Die Pinien liefern Aromatherapie frei Haus und das Licht flimmert beruhigend durch die Äste auf meinen Cappucinos. Ein kleiner Ortswechsel steht an. Irgendwann auf dem Weg zwischen Alhambra und Bellevue fiel mir auf, dass ich seit Stunden nicht aufs Handy geschaut hatte. Zunächst hielt ich das für persönliche Reife. Später stellte sich heraus: Es gab schlicht kaum Empfang. Lošinj ist offenbar sogar digital klüger als seine Gäste.

Überhaupt scheint Lošinj ein Ort zu sein, an dem schlechte Gewohnheiten plötzlich unerquicklich wirken. Permanentes Scrollen? Erschöpfend. Hektik? Passt hier ungefähr so gut wie ein Proteinshake zum Aperitivo.

Stattdessen: lange Spaziergänge entlang der Uferpromenade, glasklares Wasser und dieses eigentümliche Gefühl, dass der Tag plötzlich wieder Tiefe bekommt. Als hätte jemand heimlich die Geschwindigkeit aus dem Leben genommen.

Kulinarischer Mittelpunkt des Aufenthalts ist das Restaurant Alfred Keller. Die Küche beherrscht eine Disziplin, die selten geworden ist: Präzision ohne Prätention. Mediterrane Aromen, exzellente Produkte, handwerkliche Klarheit – und kein einziger Teller, der aussieht, als hätte er vor dem Servieren erst ein Casting für Instagram absolvieren müssen. Hier wird nicht gekocht, um Eindruck zu hinterlassen, sondern um Freude zu bereiten. Ein wohltuender Unterschied.

Im Hotel Bellevue setzt sich dieses Lebensgefühl fort. Spa, Meer, Bewegung, gutes Essen – alles greift ineinander wie eine gut komponierte Partitur, ohne dabei je nach Wellnessprogramm zu klingen. Erholung wird hier nicht behauptet, sondern passiert einfach. Und während man zwischen Pool, Pinienwald und Adria langsam in einen Zustand angenehmer Gelassenheit driftet, versteht man plötzlich auch den Titel „European Region of Gastronomy“.

Nicht, weil hier alles spektakulär wäre. Sondern weil Lošinj etwas beherrscht, das in vielen Destinationen verloren gegangen ist: die hohe Kunst der leisen Töne.

Was tun?

  • Museum des Apoxyomenos
    Allein für dieses Museum lohnt sich die Reise. Der antike Bronzeathlet wurde 1996 vor Lošinj aus dem Meer geborgen und zählt zu den spektakulärsten archäologischen Funden Kroatiens. Das Museum selbst ist kein klassisches Museum, sondern eher eine perfekt inszenierte Reise durch Licht, Raum und Geschichte.

  • Spaziergang durch die Čikat-Bucht
    Die Promenade zwischen Alhambra und Bellevue gehört zu den schönsten Wegen der Adria. Pinien, türkisfarbenes Wasser und diese Mischung aus k.u.k.-Eleganz und entspanntem Inselgefühl.

  • Sonnenuntergang beim Leuchtturm genießen
    Besonders am Abend entfaltet Lošinj seine Magie. Das Licht wird weich, die Boote schaukeln langsam im Wasser und plötzlich versteht man, warum hier schon vor über hundert Jahren Aristokraten ihre Nerven kurieren wollten.

  • Mit dem Boot versteckte Buchten entdecken
    Rund um Lošinj liegen kleine Badebuchten mit glasklarem Wasser, die oft nur per Boot erreichbar sind. Die Adria zeigt hier ihre schönste Seite.

  • Wellness im Hotel Bellevue
    Das Spa zählt zu den besten Kroatiens. Perfekt für alle, die Erholung lieber subtil als esoterisch mögen.

Wo essen?

  • Alfred Keller
    Fine Dining ohne jede Anstrengung. Es gab kürzlich einen Kochwechsel – statt des Österreichers Michael Gollenz kocht seit kurzem Daniel Skokić. Das Ergebnis: präzise Küche, großartige Produkte und eine wohltuende Ruhe am Teller. Einer jener seltenen Orte, an denen man merkt, dass echter Luxus nichts beweisen muss.

  • Matsunoki
    Das asiatische Restaurant im Hotel Bellevue verbindet japanische Präzision mit mediterraner Leichtigkeit. Besonders abends auf der Terrasse ein außergewöhnlich schöner Ort.

  • Bava Innovation
    Modern, entspannt und ideal für lange Lunches oder elegante Dinner direkt am Meer. Mediterrane Küche mit zeitgemäßem Twist.

  • Lanterna Grill
    Das Restaurant beim Leuchtturm ist einer dieser Plätze, die man eigentlich geheim halten möchte. Frischer Fisch, einfache mediterrane Küche und ein Blick auf das Meer, der jede Uhrzeit vergessen lässt.

Was trinken?

  • Žlahtina
    Weintrinker entdecken auf Lošinj nicht nur hervorragenden Fisch, sondern auch eine Region, die längst begonnen hat, sich in die europäische Weinelite hineinzuproduzieren. Besonders die Žlahtina-Weine von der Insel Krk wirken wie gemacht für diese Landschaft: salzig, mineralisch, leichtfüßig — als hätte jemand die Adria in Flaschen gefüllt. Weingüter, die man im Auge behalten sollte: Katunar Estate, Nada, Sipun, Benvenuti.

  • Kroatische Orange Wines
    Viele Restaurants auf Lošinj führen mittlerweile spannende Natur- und Orange Wines aus Istrien und dem Kvarner.

  • Aperitivo mit Meerblick
    Eigentlich fast Pflicht: ein Negroni, Spritz oder ein Glas Champagner bei Sonnenuntergang in der Čikat-Bucht.

  • Kräuterliköre aus der Region

Lošinj war schon zu k.u.k.-Zeiten für seine Heilkräuter bekannt. Viele Bars servieren lokale Kräuterliköre als Digestif — überraschend elegant statt folkloristisch. Besonders spannend ist der aromatische Kräuterlikör „My Island“ aus dem Miomirisni otočki vrt, dem berühmten Duftgarten von Lošinj. Produziert wird er nach einer geschützten Rezeptur von Sandra Nicolich aus jungen Blättern von Salbei, Pinie, Lavendel, Zitronenverbene und Bohnenkraut — im Grunde schmeckt er wie ein flüssiger Spaziergang durch die Inselvegetation.

von Martina Hohenlohe

 

(Kooperation)

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